1. „Inklusion ist in den Werten des FC Bayern verankert."
  • „Inklusion ist in den Werten des FC Bayern verankert."
Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

„Inklusion ist in den Werten des FC Bayern verankert."

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Anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung erstrahlt die Allianz Arena am Donnerstagabend in Lila – damit setzt der FC Bayern gemeinsam mit dem Partner Allianz Deutschland ein Zeichen für Inklusion. Auf den Beitrag der Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen, ist in den Werten des deutschen Rekordmeisters tief verankert, wie Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH, und der Behindertenfanbeauftragte des FC Bayern und 1. Vorsitzende des Fanclubs Rollwagerl 93 e.V., Kim Krämer, im Doppel-Interview bestätigen.

Das Doppel-Interview mit Jürgen Muth und Kim Krämer:

Herr Muth, die Allianz Arena leuchtet am 3. Dezember in lila, um im Rahmen der Aktion „#PurpleLightUp“ auf den Beitrag von Menschen mit Behinderung zur Gesellschaft aufmerksam zu machen. Wieder eine neue Farbe – aber eine sehr wichtige, oder?
Muth:
„Sie haben Recht: Lila gab es noch nie. Bevor wir auf LED-Beleuchtung der Fassade aufgerüstet haben, hatten wir gar nicht die Möglichkeit dazu. Jetzt aber haben wir 16 Millionen Farben – und lila wird durch diesen gegebenen Anlass besonders wichtig. Die Aktion ist etwas Besonderes, das uns speziell am Herzen liegt. Wir beteiligen uns sehr gerne, denn Inklusion ist in den Werten des FC Bayern verankert und beim Bau der Allianz Arena von Anfang an wichtig gewesen. Ein Dank geht daher auch an die Genehmigungsbehörden. Dafür, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Strahlkraft – im wahrsten Sinne des Wortes – nutzen zu dürfen.“

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Premiere für ein ganz besonderes Farbenspiel: Am 3. Dezember strahlt die Allianz Arena erstmals in Lila.

Von Beginn an – heißt das, bei der Planung der Arena wurde bereits besonders auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung geachtet?
Muth: „Mehr noch: Wir haben schon am Planungsanfang, also weit vor 2005, darauf geachtet, dass unsere Zuschauer mit Behinderung beste Plätze und bestmögliche Parkplätze bekommen, zudem haben wir die Serviceeinrichtungen so gestaltet, dass sie für Menschen mit Behinderung nicht nur sehr gut, sondern optimal geeignet sind.“

Herr Krämer, Sie haben Erfahrungen in diversen Stadien: Sind die Bedingungen für Menschen mit Behinderungen beim FC Bayern besonders gut?
Krämer
: „Ja, die Allianz Arena gehört beim Thema Inklusion auch 15 Jahre nach der Eröffnung zu den besten Stadien Europas. Das hat natürlich damit zu tun, dass Menschen mit Behinderung eben von der ersten Minute an mit einbezogen wurden. Aber auch die Bereitschaft und die Erkenntnis der verantwortlichen Personen beim FC Bayern, die Entwicklung bezüglich Barrierefreiheit und Inklusion zu verfolgen und umzusetzen, ist ein wichtiger Bestandteil.“

Was waren die größten Herausforderungen in der Planung und Umsetzung, was sind sie im Alltag?
Krämer:
„Der wichtigste Schritt war 2002 tatsächlich, dass man alle wichtigen Stakeholder an einen runden Tisch bekam und sich mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Man hat gemeinsam mit allen Beteiligten – wie zum Beispiel den Architekten, den Entscheidungsträgern beim FC Bayern und der Allianz Arena sowie Menschen mit Behinderung – ein Konzept entwickelt und den Grundstein für eine großartige Infrastruktur gelegt, auf der wir heute weiterhin aufbauen können.“

Herr Muth, wie war der Status Quo vor 15 Jahren – wie ist er heute?
Muth:
„2002, als wir die Allianz Arena gerade drei Monate geplant hatten, saßen wir schon das erste Mal am Tisch mit Vertretern des „Rollwagerl 93 e.V.“, der uns seitdem fortlaufend begleitet. Es war enorm wichtig, dass man bereits so früh miteinander spricht, die Bedürfnisse kennenlernt. Nach dem ersten Austausch war der FC Bayern zum Beispiel bereit, auf einige Sitzreihen zu verzichten, damit die Rollstuhlfahrer*innen die Tore nicht verpassen, wenn vor ihnen Fans aufspringen. Das war damals ein sehr großes Thema. Seitdem haben wir die Kapazitäten noch nahezu verdoppelt.“

Wie war das möglich?
Muth: „Früher war es so, dass die Begleitperson neben der Person im Rollstuhl saß. Jetzt sitzen sie auf einer Art Barhocker hinter ihnen. Auch für solche Ideen und Anregungen ist der Austausch mit den Betroffenen enorm wichtig. Er besteht kontinuierlich. Am Spieltag hat der Rollwagerl 93 e.V. auch ein eigenes Büro, wo man sich trifft, wo es Kaffee und Kuchen gibt, wo man Auswärtsfahrten plant. Wichtig ist es einfach, immer zuzuhören und zu versuchen, Lösungen zu finden. Erst neulich haben wir unsere Toiletten für Menschen mit Behinderung komplett renoviert. Auch der FC Bayern schenkt dem Thema eine hohe Aufmerksamkeit: Das zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass in Herrn Krämer ein eigener Behindertenfanbeauftragter existiert, der stets ansprechbar ist. Und es ist auch kein Zufall, dass die Allianz Arena vom Bayerischen Staatsministerium bereits zwei Mal als Vorbild beim Thema Barrierefreiheit ausgezeichnet wurde.“

Herr Krämer, wie groß ist der Andrang auf Tickets?
Krämer:
„Die Nachfrage an Tickets ist beim FC Bayern München immer extrem hoch, unabhängig welche Kategorie. Die Ticketabteilung des FC Bayern hat ein Expertenteam, welches ausschließlich für die Vergabe der Tickets an Menschen mit Behinderung zuständig ist. Da die Anforderungen speziell bei Menschen mit Behinderungen ein außerordentliches Knowhow und ein großes Maß an Flexibilität erfordern, ist das auch von großer Bedeutung. Sagen wir mal so: Dieses Team hat viel zu tun.“

Herr Muth, gibt es auch Kritik der Betroffenen?
Muth:
„Ich würde die Zusammenarbeit als hochgradig konstruktiv bezeichnen, wir treffen uns mehrmals im Jahr. Aber ich will kein Geheimnis daraus machen, dass es mal Diskussionen gibt, wie viel möglich und vertretbar ist. Natürlich stößt man da manchmal an Grenzen.“

Bereits bei der Planung der Allianz Arena Anfang des Jahrtausends wurde an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung gedacht.

Haben Sie Beispiele?
Muth: „Für die Fans mit Rollstuhl wäre es einfacher, wenn sie am Kiosk an einem niedrigeren Tresen ihre Ware entgegennehmen könnten. Allerdings geht es da um die Bedürfnisse von 100 Fans auf der Ostseite, auf der insgesamt rund 25 000 Fans sitzen. Wir haben bei diesem Thema also nach Alternativen gesucht. Unser Catering-Partner DO & CO war sofort zu einem Service bereit, den Fans mit Rollstuhl Essen und Trinken zu bringen. Eine gute Lösung für alle. Wir kennen uns mittlerweile alle gut – und die Fans mit Rollstuhl, Fans mit Hör- und Sehbehinderung und Fans mit Einschränkungen sowie ihren Begleitpersonen wissen, dass wir bisher deren Anliegen stets bestmöglich umgesetzt haben.“

Herr Krämer, wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wo gäbe es Verbesserungspotenzial?
Krämer:
„Im Bereich Behindertenarbeit und Inklusion gibt es immer etwas zu tun. Weil sich auch hier die Thematik immer weiterentwickelt, wären Plätze für Menschen mit Autismus und beispielsweise eine gewisse Anzahl von Rollstuhl-Plätzen im Premiumbereich im Moment sehr prominente Themen, und zwar europaweit. Darüber hinaus wird uns der Bereich digitale Barrierefreiheit in den nächsten Jahren noch sehr beschäftigen.“

Herr Muth, es heißt, der Fußball hat verbindenden Charakter – ist Ihnen eine besondere Inklusions-Geschichte im Gedächtnis?
Muth:
„Sogar eine, die mich im Laufe der Jahre hier am meisten bewegt hat. Wir waren noch im Rohbau, es gab noch keine Aufzüge, da gab es schon den ersten Austausch mit Rollstuhlfahrern. Die Bauarbeiter haben die Eingeladenen mit ihren Rollstühlen die Treppen hochgetragen, bevor es dann auf der Promenade ein kleines ‚Rollstuhlrennen‘ gab. Wer ist als Erster an dem Platz, an dem er später einmal Fußballspiele des FC Bayern verfolgen wird? Als die Rollstuhlfahrer angekommen waren, habe ich sehr viele Freudentränen gesehen. Sie haben in diesem Moment realisiert: Früher, im Olympiastadion, saßen sie ab vom Schuss am Marathon-Tor. In der Allianz Arena werden sie die besten Plätze haben. Diese Tränen von erwachsenen Männern haben mich tief berührt. Ich gebe zu: Ich musste schlucken.“

Auch für Menschen mit Sehbehinderung und Hörbehinderung gibt es spezielle Angebote: Sehbehindertenreportage und Smartphones mit Untertitel. Wie ist hier die Resonanz?
Muth:
„Sehr gut, von Beginn an. Das Bedürfnis war da – und wir haben Mitarbeiter in unseren Reihen, die mit Leidenschaft dabei sind. Im Moment sind wir mit je 20 Geräten vom Kontingent her noch begrenzt, aber das kann sich in Zukunft noch verbessern.“

Inwiefern?
Muth:
„Ziel ist es, den Service über die FC Bayern-App anzubieten. Wir haben ein sehr leistungsstarkes W-LAN. Wenn jeder seinen Kopfhörer mitbringt und sein Handy zur Hand nimmt, kann er den Service dann abrufen. Das wäre dann nochmal ein echter Quantensprung.

Das Ziel der Arena ist es immer, „State of the Art“ zu sein. Schafft man das auch bei diesen speziellen Anforderungen?
Muth:
„Ich bin da selbstbewusst, wenn ich sage: Wir sind in Deutschland die Nummer eins. Es gibt kein Stadion, das Plätze für Fans mit Rollstuhl in dieser Anzahl hat. Dazu muss man aber sagen, dass wir das große Glück hatten, zur WM 2006 neu planen zu können. Das Thema Inklusion stand da schon mehr im Fokus als 20, 30 Jahre zuvor.“

„Purple Light Up“ ist das Motto der Aktion am 3. Dezember – was wäre ein Erfolg?
Muth:
„Ein Erfolg wäre es, dieses enorm wichtige Thema in der Öffentlichkeit noch präsenter zu machen. Gerade in der aktuellen Zeit, in der es für uns alle leider Gottes nur ein Thema gibt, habe ich mich über die Aktion besonders gefreut. Und ich würde es sogar noch erweitern: „AllAbility“ bedeutet für mich nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch die Herausforderung, die unsere älter werdende Gesellschaft mit sich bringt. Das müssen nicht nur wir als Sportstätte berücksichtigen, sondern die gesamte Gesellschaft.“

Herr Krämer, was erhoffen Sie sich von der „Strahlkraft“ des FC Bayern?
Krämer:
„Wir erhoffen uns, dass sich die Strahlkraft des FC Bayern auf andere gesellschaftliche Bereiche positiv auswirkt. Der FC Bayern hat in der Vergangenheit stets bewiesen, dass er zu einer guten Kooperation mit Fans oder Menschen mit Behinderung bereit ist – und entsprechende Lösungen erarbeitet und erbracht werden können.“

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