
Jürgen Muth & Michael Voll im Interview
Mi., 29.04.26, 16:00
„Viele europäische Stadien erfüllen die Voraussetzungen für Lkw-Ladeinfrastruktur“
Auf dem Busparkplatz vor der Allianz Arena ist vor Kurzem mit zwei Ladesäulen eine Lademöglichkeit für Elektro-Nutzfahrzeuge live gegangen. Wir sprachen mit Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena, und Michael Voll, Leiter von MAN Transport Solutions, über die Entwicklung des Projekts und die Perspektiven für die Zukunft.
Das Interview mit Jürgen Muth und Michale Voll zum Ladepark an der Allianz Arena
Die ersten beiden Ladesäulen für elektrische Lkw an der Allianz Arena sind Ende 2025 in Betrieb genommen worden. Warum ist dort eine Lademöglichkeit für eTrucks sinnvoll?
Michael Voll: „Aus unserer Sicht ist die Allianz Arena ein logistisch optimaler Standort für schwere Elektro-Nutzfahrzeuge: Sie liegt direkt am Autobahnkreuz München Nord – einem der am stärksten frequentierten Lkw Korridore Europas mit bis zu 10.000 Fahrzeugen täglich. Und sie bietet hervorragende technische Voraussetzungen: Die Arena verfügt über ein leistungsstarkes Stromnetz, das außerhalb der Spieltage nur gering ausgelastet ist und daher ideale Voraussetzungen für Hochleistungs- und künftig Megawattladen bietet. Für Flottenbetreiber bedeutet das: minimale Streckenabweichung, maximale Ladeeffizienz.“
Was passiert an Spieltagen des FC Bayern München, wenn Sie den Strom für den Stadionbetrieb benötigen?
Jürgen Muth: „Aktuell ruht der Ladebetrieb für Lkw während der Spieltage noch. Wir planen jedoch bereits für die Zukunft, um dann auch Fanbussen mit Elektroantrieb die nötige Infrastruktur bieten zu können.“

Betreibt die Allianz Arena den Lkw-Ladestandort selbst?
Jürgen Muth: „Wir sind Eigentümer der Ladeeinrichtungen und werden beim Betrieb der Ladesäulen durch Milence unterstützt, ein Unternehmen mit Expertise in der Elektrifizierung des schweren Güterverkehrs. In dieser Konstellation schaffen wir die Flächen und technischen Voraussetzungen, damit der Betreiber des Ladestandortes seine spezialisierte Ladetechnologie für Nutzfahrzeuge anbieten kann.“
Welches Ziel verfolgt die Allianz Arena mit dem Aufbau von Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge?
Jürgen Muth: „Durch leistungsstarke Ladepunkte wird die Arena zu einem wichtigen Knotenpunkt für E-Lkw, die im Fernverkehr unterwegs sind. Langfristig sollen auch E-Reisebusse, zum Beispiel für Fan-Clubs oder Mannschaften, dort laden können, was ebenfalls die CO2-Bilanz der Spieltage verbessert. Als weltbekanntes Stadion möchte die Allianz Arena natürlich ihre eigene Nachhaltigkeitsstrategie umsetzen und zeigen, dass Hochleistungsladen auch an öffentlichen Veranstaltungsorten möglich ist und funktioniert. Damit leisten wir einen strategischen Beitrag zum Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur für Nutzfahrzeuge an den zentralen Verkehrsachsen A9 und A99.“
Welche Rolle hat MAN in der Entstehung des Lkw-Ladeparks gespielt?
Michael Voll: „Wir haben die Allianz Arena von Anfang an partnerschaftlich beraten - von der initialen Netzlastanalyse über Leistungsdimensionierung bis zur Integration der Megawatt-Ladeinfrastruktur. Unser MAN Transport Solutions Team arbeitet immer datengetrieben an den Projekten: Wir modellieren Lastverläufe, Anwendungsszenarien, Verkehrsprofile und Energieflüsse. Auf dieser Basis wurde ein passendes Ladekonzept erstellt, das technisch robust, netzverträglich und zukunftsfähig ist. Darüber hinaus bringen wir das Know how ein, das wir aus europaweiten Infrastrukturprojekten und Kooperationen mit Energieversorgern gewonnen haben.“
Was waren die größten Herausforderungen beim Bau?
Jürgen Muth: „Ein solches Projekt bringt natürlich spezifische Herausforderungen mit sich. Knifflig war die technische Anbindung an das Hochspannungsnetz, da die Leistungsanforderungen für das gleichzeitige Laden mehrerer schwerer Lkw enorm sind. Auch die logistische Abstimmung – also die Infrastruktur so zu integrieren, dass sie den regulären Stadionbetrieb nicht stört – war ein komplexer Planungsprozess. Dank der engen und konstruktiven Zusammenarbeit mit MAN und Milence sowie den lokalen Behörden konnten wir diese Hürden jedoch erfolgreich meistern.“
Wie stellen Sie sich das Zielbild vor?
Jürgen Muth: „Wir planen in Stufen: Nach dem erfolgreichen Start der aktuellen Säulen prüfen wir kontinuierlich den Bedarf. Das langfristige Zielbild ist ein Ladepark, der als Vorbild für weitere Ladepunkte, zum Beispiel bei anderen Sportstätten vor allem in Deutschland dient. Wir wollen die notwendige Infrastruktur ausbauen, damit der Umstieg auf Elektroantriebe im Schwerlast- und Busverkehr keine logistische Hürde mehr darstellt, sondern direkt vor unserer Haustür zur Realität wird.“
Kann dieses Projekt eine Blaupause für andere Fußballstadien in Europa sein? Welche Voraussetzungen müssten diese erfüllen?
Michael Voll: „Viele europäische Stadien erfüllen alle Voraussetzungen für Lkw-Ladeinfrastruktur: große Netzanschlüsse, niedrige Auslastung außerhalb von Eventtagen. Sie bieten außerdem ausreichend Fläche für Heavy Duty Ladeinfrastruktur und oftmals eine gute Anbindung an das Straßennetz an wesentlichen Verkehrsknotenpunkten. Das Projekt Allianz Arena zeigt, wie solche Standorte aktiviert werden können. Die Grundvoraussetzungen sind: ein belastbarer Mittelspannungsanschluss, klare Lastmanagement-Strategien, flexible Betriebskonzepte und Partner mit Know how in Schwerlast Ladeinfrastruktur. Wenn diese Parameter erfüllt sind, können Stadien, Messezentren und Eventareale zu tragenden Elementen der europäischen eTruck Korridore werden.“
Wie wichtig ist Beratung bei der Planung von Ladeinfrastruktur?
Michael Voll: „Bei Pkw ist Ladeinfrastruktur weitgehend standardisiert – im Lkw-Bereich sieht die Welt anders aus: Netzanschlüsse, Ladefenster und Fahrprofile variieren bei unseren Kunden enorm. Darüber hinaus entscheidet die Konzeption der Ladeinfrastruktur maßgeblich über die Wirtschaftlichkeit einer Anlage. Deshalb ist Beratung kein Add on, sondern das Fundament eines erfolgreichen Projekts. Wir analysieren Depotstrukturen, Routen, Energiekosten und Leistungsfenster und bauen darauf Lade- und Energiekonzepte, die technisch belastbar und wirtschaftlich tragfähig sind.“